Andere Sprache, anderes Denken?

#1 von Michael Allers , 16.07.2011 22:20

Bezug: Sprachtipps: Übersetzen Sie nicht!

Ich hatte eine interessante Email-Diskussion mit zwei Lesern darüber, ob man in Bildern oder in seiner Muttersprache denkt, und wie sich dies auf den (Fremd-)Spracherwerb auswirkt. Das wiederum führt zur grundsätzlichen Frage, ob das Denken abhängig von der Sprache ist.

Zitat
Trotzdem bezweifle ich, daß wir ausschließlich in Bildern denken. Denn das kann - überspitzt formuliert - jeder Menschenaffe. Der sieht einen
Gegenstand (eine Banane) und kann ein entsprechendes Zeichen (Bild von einer Banane) erkennen - aber das war es auch schon.
Am aktivischen Teil, dem Zeichen, scheitert es. Und wir Menschen wären auch
bald wieder dort angelangt, würden wir ausschließlich in Bildern denken.


Ich behaupte nicht, dass wir ausschließlich in Bildern denken. Aber für viele konkrete Dinge des täglichen Lebens inkl. Personen ist das Abspeichern eines Bildes m.E. die einfachste und am häufigsten praktizierte Möglichkeit, um sich ein fremdes Wort zu merken. Für Abstraktes wie eternity habe ich hingegen kein Patentrezept.

Trotzdem behaupte ich, dass jeder Umweg über die Muttersprache eben ein Umweg ist. Deshalb halte ich viel vom Spracherwerb durch Immersion (Bitte Immersion in die Wiki-Suche eingeben, der Link funktioniert hier nicht).
Warum Immersion sich auf Kinder beschränken soll, verstehe ich allerdings nicht. Ich selbst habe als Erwachsener mehr und besser Englisch durch Immersion gelernt (d.h. Engländern und Amerikanern zugehört) als vorher in der Schule.

Und wie denken wir nun? Sicher oft in Bildern, aber natürlich auch sprachlich, z.B. während ich dies schreibe. Bloß: Wenn jemand unter die Dusche steigt, denkt er dann wirklich diesen Satz: "Ich steige jetzt unter die Dusche" oder "I'm gonna have a shower now"? Oder stellt er sich das bildich vor? Doch wohl nicht.

Auch im kulturellen Bereich denkt sich doch ein Musiker nicht: "Ich spiele jetzt die Tonfolge C-E-G. Er tut es einfach. Ich weiß nicht, was da passiert, aber es kann doch nicht von der jeweiligen Landessprache abhängen! Das hat mir indirekt auch ein Linguist bestätigt:

Zitat
Dazu kommt, daß Denken und damit auch Verstehen ja auch außersprachlich abläuft; beim Übersetzen muß ich das dann alles erstmal in Worte fassen und so formulieren, daß nicht nur mir klar wird, was ich verstanden habe, sondern anderen auch - auf jeden Fall schwerer und aufwendiger.


Ein Amerikaner denkt in vielen Bereichen sicher anders als ein Deutscher. Aber das liegt an seinem gesamten kulturellen Background. Wären Amerikaner heute wirklich anders, wenn gem. eines Sprachchauvi-Märchens Deutsch Amtssprache der USA geworden wäre? Ich denke, dies wäre nicht der Fall.

Fazit:
Das Denken formt die Sprache, nicht umgekehrt.
Dass eine Anglisierung unserer Sprache 'deutsches Denken' oder gar unsere gesamte Kultur zerstört, wie Sprachnörgler behaupten, halte ich für ein Gerücht.


"Je mehr Wortbestand eine Sprache mit anderen gemeinsam hat, umso größer ist ihre Wettbewerbsfähigkeit. Die englische Sprache selbst besteht zu guter Hälfte aus Wörtern anderer Sprachen, und sie ist ja auch nicht untergegangen, wie wir wisssen." - Prof. (em.) für Germanistische Linguistik Dr. Peter von Polenz

 
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RE: Andere Sprache, anderes Denken?

#2 von Pritze , 21.07.2011 14:39

Ich halte das insgesamt für eine gelungene Zusammenfassung unseres Schriftwechsels.

Ein Problem sehe ich darin, daß es so schwierig ist, sich die im Unterbewußtsein, gleichsam ungefragt ablaufenden Prozesse zu veranschaulichen.

Mir erschließt sich nicht ganz, wieso Du Immersion mit Spracherwerb durch Bilder gleichsetzt? Du verlagerst die Frage, wie wir nicht oder nur sehr schwer bildlich vorzustellende Begriffe erlernen, im Wesentlichen nur in eine andere Sprache.

Sprache steht immer im Zusammenhang, ist ein Prozeß und nie eine Einbahnsprache (edit: Ich lasse den hübschen Assoziationsfehler stehen.). Daher halte ich Dein "Das Denken formt die Sprache, nicht umgekehrt." für eine Verkürzung, die nur die halbe Wahrheit ist. Wenn es so wäre, wie Du behauptest, könnten sich bspw. all die Effekt-Feministinnen und Schein-Liberalen die Mühe sparen, weibliche Formen für alle möglichen Bezeichnungen durchzuboxen, bis hin zu Mitgliederin (!) und Salzstreuerin. (Und es wären auch die Bemühungen derer in ihrem Erfolg eingeschränkt, die sich wirklich und glaubwürdig für Gleichstellung und Gleichberechtigung abseits von Quoten und Privilegien einsetzen.)
Man könnte auch der Frage nachgehen, inwieweit in sozial schwachen Haushalten die entsprechende Sprache für die verminderten Chancen der Kinder eine Rolle spielt. So mancher Psychologe bzw. Psychotherapeut wird Dir bestätigen, daß das bewußte Vorsprechen positiver Formulierungen helfen kann, um schädliche negative Denkweisen aufzubrechen, zu beeinflussen, zu wandeln. Wenn man sich nur oft genug vorspricht (und auch "vordenkt"), daß das Glas halbvoll (oder halb voll nach neuer Schreibe) ist und nicht - wie man denkt - halb_leer, wird man irgendwann auch denken, daß es halbvoll ist. Da lassen sich noch viele Beispiele finden.

Damit will ich zwar nicht behaupten, daß ein paar Angliszismen zum Untergang des deutschen Abendlandes führen. (Dafür sorgen wir schon mit wirksameren Mitteln.) Aber ganz ohne Wirkung bleiben die nicht. Wie man das bewertet, bleibt ja jedem selbst überlassen.

PS: Nach dem betont garstigen Abschnitt über "Frauenrechtlerinnen" kommt hier bestimmt Leben ins Forum. :-)


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RE: Andere Sprache, anderes Denken?

#3 von Michael Allers , 21.07.2011 18:26

Zitat
Ein Problem sehe ich darin, daß es so schwierig ist, sich die im Unterbewußtsein, gleichsam ungefragt ablaufenden Prozesse zu veranschaulichen.


Ja, schwierig ist es; aber ich bin ganz gut darin, Unbewusstes im Nachhinein durch das Bewusstsein zu analysieren.
Schizophren?!? Wir?!? Niemals, Herr Doktor! ;o)

Zitat
Mir erschließt sich nicht ganz, wieso Du Immersion mit Spracherwerb durch Bilder gleichsetzt? Du verlagerst die Frage, wie wir nicht oder nur sehr schwer bildlich vorzustellende Begriffe erlernen, im Wesentlichen nur in eine andere Sprache.


Ich beschränke Immersion ja gerade nicht auf Bilder. Das hast eher du mit deinem Beispiel vom Affen und der Banane getan.
Aber es ist doch so:
Wenn man eine neue Sprache lernt, versucht man zuerst die vielen konkreten Dinge des täglichen Lebens zu begreifen: Haus, Auto, Zigaretten, Bier usw.. Und davon kann man sich doch im Wortsinne ein Bild machen. So war mein Sprachtipp gemeint.
Niemand lernt beim Spracherwerb zuerst die Definition von - bleiben wir bei diesem Beispiel - eternity. Aber wenn mir ein Amerikaner diesen Begriff auf englisch erklärt, ist eben auch das Immersion.

Zitat
Sprache steht immer im Zusammenhang, ist ein Prozeß und nie eine Einbahnsprache (edit: Ich lasse den hübschen Assoziationsfehler stehen.). Daher halte ich Dein "Das Denken formt die Sprache, nicht umgekehrt." für eine Verkürzung, die nur die halbe Wahrheit ist. Wenn es so wäre, wie Du behauptest, könnten sich bspw. all die Effekt-Feministinnen und Schein-Liberalen die Mühe sparen, weibliche Formen für alle möglichen Bezeichnungen durchzuboxen, bis hin zu Mitgliederin (!) und Salzstreuerin.



OK, packen wir dieses heiße Eisen an, auch wenn es bzgl. Denglisch ziemlich off-topic ist. Ein weiteres schönes Beispiel, bei der WM (!) gehört: "Sturmspitzin". Wie z.Zt. noch auf meiner Homepage dokumentiert, bin ich ein großer Fan des Frauenfußballs. Und genau deshalb schreibe ich nicht "Frauen-WM" oder "WM der Frauen". Gerade das würde etwas Selbstverständliches zu etwas Exotischem machen, und genauso verhält es sich mit allen feminisierten Formen. Wenn ich sage "Meine Kollegen", meine ich natürlich alle, ob weiblich oder männlich. BTW: In dieser Hinsicht (generische Benennung) hat (D)englisch durchaus einen Vorteil: Niemand käme auf die Idee, an analyst könne nur ein Mann sein.

Insofern hast du Recht: Hier schlägt sich das Denken nicht in der Sprache nieder. Und es mag, wie ich auch in meinem VDS-Blog, 07.03.2011: Ich denke, also bin ich geschrieben habe, eine Wechselwirkung zwischen Denken und Sprache geben. Aber dass die Sprache das Denken bestimmt, wie Denglisch-Gegner behaupten, ist noch viel einbahnstraßenhafter und m.E. grundverkehrt. Das ist es, wogegen ich mich wehre. Denken ohne Sprache ist möglich (s. Frühmenschen, Taubstumme, Tiere), Sprache ohne Denken nicht.


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RE: Andere Sprache, anderes Denken?

#4 von Michael Allers , 26.07.2011 17:17

Nach harscher, vielleicht berechtigter Kritik per Email, die ich jedenfalls nicht übelnehme, ein letzter Versuch, meine Einstellung zur Abhängigkeit / Wechselwirkung von Sprache und Denken zu verdeutlichen.

Auszug:

Zitat
Daß Sprache das Denken bestimmt, ginge wohl auch mir zu weit, weil es mir
genauso als Verkürzung erschiene wie der gegenteilige Standpunkt, den Du weitgehend vertrittst.
...
Zudem vermengst Du Wechselwirkung und einseitige Bestimmtheit, so daß
irgendwie nicht ganz klar wird, was nun eine Entgegnung auf meinen Abschnitt sein soll und was nicht. Lange Rede, kurzer Sinn: Diese vier Zeilen entziehen sich zumindest zum Teil meinem Verständnis.


1. Geäußerte Sprache (Sprechen, Schreiben):
Hier führt doch doch kein Weg daran vorbei: Was man äußert, muss man zuvor gedacht haben, auch wenn dies in meist unbewusst in Sekundenbruchteilen geschieht. Die Sprache ist abhängig vom Denken. Dies ist in der Tat eine Einbahnstraße.

2. Rezipierte Sprache (Hören, Lesen):
Hierbei kann das Denken durch die Sprache beeinflusst werden, z.B. durch gezielte Indoktrination, sei es durch diktatorische Propaganda oder auch 'sendungsbewusste' Journalisten in einer Demokratie.
Insofern könnte man insgesamt (1. und 2.) von einer Wechselwirkung sprechen.
Bloß: Auch eine solche Sprache, die das Denken beeinflusst, muss doch im allerersten Schritt von den Urhebern erdacht werden.

Deshalb bleibe ich dabei:
Grundsätzlich beeinflusst das Denken die Sprache, zumindest in weit größerem Umfang als umgekehrt. Sprache ist lediglich ein Transportmedium für das Denken. Dabei verkenne ich nicht, dass Denken durch Sprache multipliziert werden kann (2.).
Aber am Anfang steht immer die gedankliche Henne, die das sprachliche Ei produziert. ;-)


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